Serious Business!

Weit und breit keine wichtigen Business-Männer mehr in Sicht. Oder wie Fönwelle und Ringelsocken salonfähig geworden sind…

1992. 08 Uhr in der Früh. Frankfurt, Stuttgart oder irgendeine andere Stadt

Ein Mann in den 50ern zupft seine von der Frau gebundene Krawatte zurecht. Er schielt auf seine penibel geputzten Kalbslederschuhe, während seine Hand in der Tasche nach dem Vorhandensein der roten Tupperbox mit den – ebenfalls von seiner Frau sorgsam vorbereiteten – Mittagsstullen tastet. Soweit alles im Griff. Die Arbeit kann beginnen. Er steigt bestimmten Schrittes in den Bus und gesellt sich zu einer Gruppe seinesgleichen. Das Mimikry-Grau der Anzüge passt farblich zu dem Grau des Schläfenhaars.

Sie tragen diese Aura: Seniorität, Einfluss, harte Arbeit, eine stringente Karriere.

Natürlich sind diese Geschäftsmänner in Besitz eines Handys. Schließlich müssen Sie erreichbar sein, um wichtige Geschäfte zu erledigen. Wirklich wichtige Geschäfte. Das bunt gemischte Volk im Bus weiß: diese Männer sind wichtig. Sie arbeiten für wichtige Firmen, treffen wichtige Entscheidungen und haben mit wichtigem Geld zu tun. Ihr Schaffen wird unsere Wirtschaft entscheidend voranbringen oder zumindest wird es die Familien der Business-Männer voranbringen. Sie tragen diese Aura: Seniorität, Einfluss, harte Arbeit, eine stringente Karriere. Sie haben studiert, um die Karriereleiter zu erklimmen, Frau und Kinder ernähren zu können und den Preis Ihrer Anzüge der jeweils aktuellen Gehaltsklasse anzupassen. Ein Anruf kommt. Der Blick auf das Display entlockt dem Geschäftsmann ein bedeutungsschweres Stirnrunzeln. Einem tiefen Einatmen folgt die Annahme des – wichtigen – Telefonats. Der Geschäftsmann blickt in die Ferne und hochkonzentriert gibt er unabdingbare Anweisungen an die Firmenzentrale, die er in einer halben Stunde mit seinen gewienerten Kalbslederschuhen betreten wird.

2015. 09:07. München, Schwanthalerhöhe, U5

Mir gegenüber sitzt ein junger Mann Mitte zwanzig. Seine flache Aktentasche ließ er lässig auf den freien Sitz neben sich plumpsen, als er die U-bahn betrat. Gekleidet in feinem Anzug in dunkelblau – Slim fit – und einer durchaus geschmackvollen Krawatte gibt er eine gar nicht mal schlechte Figur ab. Muskeln zeichnen sich unter dem Anzug ab, aber sein Gesicht verrät eine etwas zu lange Nacht. Der letzte Akneschub scheint noch nicht allzulange her, doch die angesagte Fönwelle am Oberkopf, flankiert von schnittig rasierten Seiten, gleichen das müde Antlitz wieder aus. Träge fischt der Knabe nach seinem Handy in der Tasche und tippselt unmotiviert auf dem Display herum. Bis ein Lächeln seine Lippen umzuckt. Wahrscheinlich hat er eine Nachricht auf Tinder von einer schlanken Blondine erhalten. Oder die rassige Argentinierin hat seinen Match confirmed. Hat schließlich beides seine Vorteile!

„Hoffentlich sind wir diesmal nicht wieder im low budget- Hotel… das letzte Mal war ja zum koootzeeen…!“

Mein Blick schweift im Abteil umher. Eine Gruppe junger Berater unterhält sich an ihren Coffee to go’s nuckelnd über das letzte Meeting. „Gestern war wieder nur Power Point- Karaoke angesagt“, ulkt der Eine gelassen. „Morgen sind wir doch in Hamburg. Wenn’s gut läuft mit dem Team haben wir vielleicht noch Zeit kurz mal auf dem Kiez vorbeizuschauen!“, schlägt ein Anderer vor. „Hoffentlich sind wir diesmal nicht wieder im low budget- Hotel… das letzte Mal war ja zum koootzeeen…!“, entgegnet der Dritte. Mein Gegenüber erhebt sich. Ich erhasche einen kurzen Blick auf seine originellen Ringelsocken. Sind wohl salonfähig geworden. Ich wundere mich…

Wo sind all die wichtigen Männer hin? …

… wo sind sie? Die respekteinflößenden, wichtigen, ernsthaften Männer Mitte 50? Die mit den wichtigen Jobs und den wichtigen Entscheidungen und so? Ich kann sie nicht mehr entdecken. Stattdessen breitet sich Generation Y aus, wie eine unvermeidliche Weiterentwicklung der Mütter und Väter, die einmal ernsthaft an ihren Lebensentwurf glaubten. All diese jungen gebildeten Männer haben auch studiert. Natürlich! Wahlweise waren sie zum Auslandsaufenthalt oder Praktikum in Beijing (der Vordenker), Budapest (der Andersdenker, der die schnelle Leitung nach Hause brauchte) oder Barcelona (der, der einfach nur Party machen und Saufen wollte). Beziehung ist anstrengend geworden und kann schließlich noch warten. Die Welt hält noch so vieles bereit für sie! Wollen sie Karriere machen? Auf jeden Fall! Aber ihr Ehrgeiz passt sich den jeweiligen Anforderungen des Chefs und der Auftragslage an. Überstunden wenn sie zum guten Ton gehören und Inklusion versprechen – gerne! Aber um sich kaputt zu rackern? Nee, danke! Dann lieber flexible Office Hours und Home Office, damit der Friseurbesuch zum Nachschneiden der Fönwelle dazwischengeschoben werden kann. Hier glaubt niemand mehr an den richtigen und ehrlich verdienten Aufstieg.

Handy und Anzug mit Krawatte kann schließlich jeder. Aber die Millionengeschäfte…. Tja, die fanden zu einer anderen Zeit statt!

Man weiß ja eh nicht, wie sich das mit der Wirtschaft entwickelt und ob ein anderer Arbeitgeber in ein paar Monaten oder Jahren interessanter wird. Kann alles sein! Überhaupt… das mit der Arbeit nimmt niemand mehr so recht ernst. Es ist doch viel spannender sich Zeitfenster fürs Bouldern und die vielen anstehenden Tinder-Anfragen frei zu halten. Handy und Anzug mit Krawatte kann schließlich jeder. Aber die Millionengeschäfte…. Tja, die fanden in einer anderen Zeit statt.

Ich raffe meine Sachen zusammen und mache mich zum Ausstieg bereit. In einer Ecke sitzt ein schätzungsweise an die 60-Jähriger mit lichtem Haar und leeren Augen. Seine Jacke von Geox passt so gar nicht zu dem deutlich zu großen Anzug. Ich drehe mich um und bin verwirrt. Ich steige aus und hole mir erst mal einen Coffee To Go.

Foto : Pierre Buck , fotocommunity.de

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Alle Infos zur Ausstellung findet ihr hier:

http://www.muenchner-stadtmuseum.de/sonderausstellungen/gretchen-mags-mondaen-damenmode-der-1930er-jahre.html Außerdem interessant: Während meines Besuchs der Ausstellung bin ich zufällig auf die Urban Sketchers gestoßen. Eine weltweite Gemeinschaft von Künstlern, die vor Ort die Städte, Orte und Dörfer zeichnen, in denen sie leben oder zu denen sie reisen: http://germany.urbansketchers.org/ http://urbansketchersmunich.blogspot.de/