Mind over matter: HARRIET

Tanzen kann verdammt hart sein. Du musst es wirklich wollen und mit einem fröhlichen Geist bei der Sache sein. Dann kannst du es schaffen.

♦ ♦ Part I einer Interviewreihe über junge Kreative und ihre Art zu Leben. → Harriet Mills, Tänzerin am Staatstheater Karlsruhe, macht den Anfang. ♦ ♦

Alex: Hallo Harriet, verrätst du uns deine ganz persönliche Trainingsmethode?

Harriet: Immer positiv denken – mind over matter! Ich finde, man sollte sich nicht quälen, sondern positiv an eine Sache heran gehen – gerade, wenn sie schwer und sehr herausfordernd erscheint. Du musst immer daran glauben, dass du es schaffen kannst. Eine Methode, mit der ich mich an besonders schwierige Schritte im Training heran wage ist, zu lächeln. Ich versuche mich in eine positive leichte Stimmung zu versetzen. Manchmal sage ich mit sogar: Ich bin Marianela Núñez (oder irgendeine andere berühmte Tänzerin). Wenn ich mir vorstelle, dass sie es ist, die die Schritte tanzt, funktioniert es gleich besser.

Alex: Sind Stücke wie „Anne Frank“ anspruchsvoller zu tanzen, als beispielsweise Klassiker wie „Dornröschen“ oder „Giselle“?

Harriet: Das kann man so nicht sagen. Beide sind auf ihre eigene Art sehr anspruchsvoll. Ich bin bei klassischen Stücken immer irgendwie nervöser. Da ich das schon weiß, brauche ich für diese Stücke einfach etwas mehr Vorbereitung – physisch und geistig. Diese klassischen Ballettstücke sind technisch sehr komplex und körperlich anstrengend, sowohl bei den Proben, als auch auf der Bühne. Da ist absolute Präzision gefragt. Bei neueren Choreographien wie „Anne Frank“ studieren wir monatelang mit dem Choreographen neue Schrittfolgen ein und können uns als Tänzer komplett in die Storyline involvieren. Das kann einerseits sehr langwierig sein, andererseits liebe ich diese intensive Trainingszeit. Tänzer und Choreographen sind ein echtes Team und erarbeiten die Choreo gemeinsam. Diese Stücke sind körperlich natürlich auch sehr fordernd. Was noch viel schwieriger ist, ist allerdings, dass sie dich emotional völlig erschöpfen. Gerade so harte Themen wie „Anne Frank“ lassen dich nicht unberührt.


Alex: Was ist deine größte Motivation?

Harriet: Meine Familie und Freunde. Auf jeden Fall! (lacht) Ich bin zwar von Natur aus ein sehr motivierter Mensch, aber meine Leute unterstützen mich so toll und das bringt mich einfach weiter. Mit meiner Schwester kann ich ewig lachen, meistens quatschen wir dazu noch in einem lustigen Akzent. So komme ich auch nach schweren Tagen wieder in eine absolut relaxte Stimmung. Ich finde es aber auch immer großartig, mit motivierten Menschen zu arbeiten, die genau wie ich mit Ehrgeiz und Leidenschaft bei der Sache sind. Hart zu arbeiten und immer besser zu werden motiviert mich, aber ich zehre von dem Support der Leute, die mir wichtig sind!

Alex: Hast du manchmal Angst zu scheitern oder es einfach nicht mehr zu packen? Wie gehst du mit solchen Gefühlen um?

Harriet: Ich glaube, jeder kennt diese Gefühle. Ob Tänzer oder Projektmanager. Niemand möchte scheitern und macht sich Sorgen, ob er oder sie es auch gut und richtig macht und sich die harte Arbeit auszahlt. Seit ich klein bin, gebe ich alles, um in dem, was ich mache, gut zu sein. Ich konnte Misserfolg einfach nicht ab. Klar, ging es auch darum, niemanden zu enttäuschen, aber hauptsächlich wollte ich mich selbst nicht enttäuschen. Deshalb habe ich einfach immer mein Bestes gegeben. Dieses Wissen hilft mir, wenn ich Angst habe. Ich kann dann sagen: Ich habe mein Bestes gegeben. Auf der Bühne wie im Leben weiß ich aber auch immer, dass meine Familie und Freunde auch zu mir stehen, wenn etwas schief geht. Das gibt mir die Kraft, auch schwierige Situationen zu meistern.

img_2867

Alex: Was würdest du Kindern und Jugendlichen raten, die gerne Tänzer werden möchten?

Harriet: Eine Karriere als Tänzer kann verdammt hart sein. Deshalb ist es wichtig, dass du es wirklich willst und die richtige Einstellung mitbringst. Als ich mit elf Jahren auf die Hammond School ging, hatte ich eine wunderbare Zeit und meine Mitschüler und ich hatten einfach immer Spaß bei der Sache. Damals konnte ich mich ausprobieren und meine Stärken entdecken… davon profitiere ich noch heute, eine tolle Zeit! Als ich dann auf die Royal Ballet School nach London ging, intensivierte sich alles und ich musste wirklich kämpfen. Damals war mir das natürlich noch nicht klar, aber in der Zeit habe ich gelernt, dass es nicht unbedingt schlecht ist, nicht immer die Beste zu sein. Ich habe dadurch gelernt, auf meinen eigenen Beinen zu stehen und mich nicht abhängig von der Meinung eines einzelnen Choreographen zu machen. Dabei bleiben, ist dann die Devise. Niemand kann dir die Arbeit abnehmen. Lange Rede, kurzer Sinn: Tanz ist eine Sache, die von dir kommen und für dich geschehen muss.

Alex: Heute in 10 Jahren: Wie sieht dein Leben dann aus?

Harriet: Ach, ich hätte gerne einen Plan parat, aber da muss ich leider passen. Ich will auf jeden Fall mit meinem Mann zusammen wohnen, meine Karriere erfolgreich beenden und mit Zuversicht und Kreativität in ein neues Kapitel meines Lebens starten. Vielleicht habe ich dann ein kleines Café oder bin Tanzlehrerin oder Physiotherapeutin. Ich habe Vertrauen ins Leben. Da wird schon was Gutes kommen.

Tausend Dank für dieses Gespräch, Harriet.

Mein Leben in 5 Wörtern:

geliebt ♥

bejahend ♥

Familie ♥

Lachen ♥

Tanz ♥

Kurz-Bio: Mit elf Jahren wurde Harriet an der  Performance Art Hammond School in Chester aufgenommen, wo sie fünf Jahre lang in verschiedenen Tanzrichtungen ausgebildet wurde. Anschließend studierte Harriet Tanz an der Royal Ballet Upper School in London. 2010 begann sie ihr Engagement am Staatstheater Karlsruhe, unter der Leitung von Birgit Keil. Seitdem ging ihre Karriere stets bergauf. Zur Spielzeit 2013/14 wurde sie von Ballettdirektorin Birgit Keil zur Solistin ernannt. Zu ihrem Repertoire gehören die Hauptrollen in Schwanensee, La Sylphide, Der Widerspenstigen Zähmung und Dornröschen. Weitere Rollen tanzte Harriet in Der Nussknacker – eine Weihnachtageschichte (die Weihnachtsfee), Anne Frank (Edith Frank) und Giselle (Myrtha).

Hier geht’s zu Harriets Blog: https://aballetoflife.com/

Leave a reply:

Your email address will not be published.

Sliding Sidebar

Alle Infos zur Ausstellung findet ihr hier:

http://www.muenchner-stadtmuseum.de/sonderausstellungen/gretchen-mags-mondaen-damenmode-der-1930er-jahre.html Außerdem interessant: Während meines Besuchs der Ausstellung bin ich zufällig auf die Urban Sketchers gestoßen. Eine weltweite Gemeinschaft von Künstlern, die vor Ort die Städte, Orte und Dörfer zeichnen, in denen sie leben oder zu denen sie reisen: http://germany.urbansketchers.org/ http://urbansketchersmunich.blogspot.de/